VISION 20003/2008
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“Hinaus mit Euch, tut etwas für Gott!"

Artikel drucken Über den dringenden Appell des 2. Vaticanums an die Laien, in der Welt Zeugnis für Christus abzulegen (Von P. Karl Wallner OCist)

Viele von uns haben das Gefühl, daß es mit der Kirche bergab geht. Ihnen versichert der Autor, Professor für Dogmatik, daß es eine ganz klare dogmatische Wahrheit gibt, die besagt, daß die Kirche niemals untergehen wird!

Es ist für uns Egozentriker und Egomanen zuerst einmal auch wichtig zu wissen, daß Gott Seine Kirche leitet, nicht wir, nicht wir, sondern Gott leitet seine Kirche und niemand von uns soll sich vor Gott hinstellen und sagen: “Lieber Gott, Du kannst eigentlich froh sein, daß Du mich als Mitarbeiter hast. Jetzt bringe ich Deine Sache weiter." Nein! Falsch! Gott leitet Seine Kirche, aber Er will uns als Werkzeuge verwenden.

Dieser Vorrang Gottes ist sehr wichtig, denn alles in der Kirche ist Gnade, alles liegt an Ihm. Mutter Teresa hat immer gesagt, daß wir Gott bloß helfen müssen, sein Reich in dieser Welt auszubreiten. Er tut es schon selbst. Und Gott will uns brauchen; Er will dich brauchen.

Haben Sie schon einmal im Evangelium diese vielen Stellen durchgelesen, wo es um die Talente geht: die Talente, die Gott einem jeden von uns anvertraut? Dort wird nicht derjenige gepriesen, der seine Talente (Oh, wie “bescheiden" und “demütig"!) vergräbt, versteckt und nichts daraus macht. Nein, der wird selig gepriesen, der mit seinen Talenten wuchert, der etwas macht, der etwas tut, der die Talente vermehrt.

Wir haben heute ein bißchen einen Gnadenfatalismus nach dem Motto: “Da kann man nur beten." Also ich stehe jeden Tag um 5:15 Uhr beim Chorgebet, bete drei Stunden am Tag. Aber nur beten?! Wo steht das im Evangelium?! Wir müssen auch etwas tun! Wir sind zu einer Kirche der Konjunktive und der Optative geworden, zu einer Kirche des bloßen Forderns und Wünschens: “Man müßte, man sollte, der Papst sollte, die Bischöfe sollten, der Pfarrer sollte, der Pfarrgemeinderat - und alle mögliche anderen sollten, könnten, müßten. Nein! Du sollst was tun!"

Und wir haben heute - das Jahr 1989, da die Sowjetunion untergegangen ist, ist lange vorbei - aber wir haben immer noch die “sowjet-unionisierte" Kirche. Sowjet heißt ja Rat, Gremium. Wir sind eine sitzende Kirche geworden. Wir sitzen in Gremien und Räten. Und vielleicht wird uns - vor allem uns Priester - der liebe Gott fragen: “Hast du an vielen Sitzungen teilgenommen?" Ich werde beim Jüngsten Gericht dann guten Gewissen sagen können: “Ja, ich habe teilgenommen, aber es hat mir keine Lust gemacht."

Am Anfang hat man das Christentum genannt: “den Weg" und nicht “das Sitzen"! Am Schluß der Heiligen Messe heißt es im Lateinischen korrekt: “Ite missa est!" Dieser Entlaßruf ist ein Imperativ, ein Auftrag.

“Geht! Ite! Missa est!" In der heutigen deutschen Übersetzung klingt es leider wie: “Gehet hin, endlich habt Ihr Frieden!" Furchtbare Übersetzung! Es müßte richtig übersetzt heißen: “Raus mit Euch! Geht, macht euch auf den Weg! Missa est - Ihr habt eine Sendung." Die Heilige Messe ist eine Sendungsfeier.

Jedenfalls: Gott will uns brauchen, denn Er will durch uns die Welt bekehren. Und noch etwas muß ich als Dogmatikprofessor sagen: Das Nachfolgende hat Martin Luther nicht sehr gefallen, aber die Spätscholastik hat ein wunderbares Lehrwort entwickelt, das das Verhältnis von Gott und Mensch richtig lautet: “Facienti quod est in se, Deus non denegat gratiam." Das heißt: Dem, der tut, was an ihm ist, verweigert Gott die Gnade nicht. Also, wo du dich anstrengst nach deinen Möglichkeiten, da wird Gott auch seine Gnade ausschütten.

(...) Das Testament des Herrn lautet - er sagt es ja am Ölberg bei seiner Himmelfahrt: “Hinaus! Geht hinaus! Ite! Geht hinaus in die ganze Welt. Matheteusate panta ta ethne!" Macht alle Völker, alle Menschen zu meinen Jüngern.

Hat unser Herr irgendwo gesagt, daß Er das Christentum als eine Religion der privaten Elite gründen wollte? Hat Er irgendwo gesagt, daß die Moslems, die zu uns kommen - und oft auch Suchende sind -, nicht auch etwas über Ihn, über Christus, hören dürfen? Es ist bedrückend zu wissen, daß wir in Heiligenkreuz den einzigen Katechistenkurs haben, der spezialisiert ist auf die Katechetisierung von türkischen Moslems. Gott hat mit Seiner Erlösung alle Menschen gemeint, darum müssen wir eine missionarische Kirche werden!

Doch seit der Aufklärung gibt es einen Kampf gegen das Christentum. Wir haben gerade in Österreich das Gedenken an den Anschluß von 1938 begangen. Ein Mitbruder von uns im Stift Heiligenkreuz war damals in Dachau, ein anderer in der Todeszelle, das Stift von Aufhebung und Enteignung bedroht, die Mönche am Leben gefährdet usw. Unsere jüngere Geschichte ist vom Kampf gegen das Christentum geprägt. Und wohl auch deshalb diese Verschämtheit heute in der modernen Welt. Bitte Schluß mit unseren Minderwertigkeitskomplexen! Die anderen sollten einen haben, weil die sind daneben!

Vor Jugendlichen sage ich oft: “Bitte entwickelt eine heilige Sturheit, seid wirklich unverschämt in der Öffentlichkeit im Bekenntnis eures Glaubens." Für uns Priester und Ordensleute ist das Zeugnisgeben ja “leicht": Ich bin z. B. ein ganz sturer Habit-Träger (außer wenn ich ins Schwimmbad gehe, weil bisher noch keine Badehose in schwarz-weiß mit Kapuze erfunden worden ist.)

Ich trage also den Habit immer in der Öffentlichkeit und das ist dann manchmal durchaus lustig. Ich gehe etwa durch Wien und eine Gruppe Halbstarker kommt auf mich zu. Ich sehe schon von ferne, wie sie befremdet schauen und spotten. Und dann gehe ich einfach durch die Gruppe durch (ich habe es mit einer Größe von 1,92 natürlich leicht), und sage: “Hallo" oder auf Wienerisch “Servas". Und dann erschrecken die: “Huch, er spricht sogar!"

Dieses öffentliche Zeugnis ist sehr wichtig, gewürzt mit Mut und Humor, mit ein bisserl “Schmäh", wie wir auf Wienerisch sagen. Das 2. Vatikanische Konzil wollte ja nicht “Welt in der Kirche", sondern es wollte “Kirche in der Welt von heute", so lautet der Titel der Pastoralkonstitution. Darum gehören wir hinaus “in die Welt von heute".

Und ich schließe mit einem nochmaligen Verweis auf das 2. Vatikanische Konzil: Dieses hat ein wunderbares Dekret verabschiedet. Wir dürfen nämlich nicht glauben, Mission, Apostolat, die Ausbreitung des Evangeliums sei nur Sache der Pfarrer, der Kapläne und der Gottgeweihten auch. Natürlich: die brauchen wir besonders! Und wir müssen wirklich beten, daß wir genügend Priester haben. Aber wir brauchen mehr!

Das 2. Vatikanische Konzil hat daher ein Dekret über das Laienapostolat veröffentlicht. (Und es meint mit Laienapostolat nicht das Gerangel um die drei Quadratmeter um den Altar, um etwa den Priester zu verdrängen.) Es meint mit Laienapostolat, daß Getaufte und Gefirmte als Apostel hinaus in die Welt wirken sollen. Dieses wichtige Dekret heißt: Apostolicam Actuositatem. Da steckt das Wort Aktivität dahinter! Es heißt nicht “Apostolicam Passivitatem", sondern “Actuositatem".

Also hinaus mit Euch, tut etwas für Gott! Denn es ist wirklich kein Hochmut, wenn wir mit unseren Talenten wuchern, wenn wir sie vermehren. Im Gegenteil, es ist der Wille des Herrn!

Der Autor ist Rektor der päpstl. Hochschule in Heiligenkreuz, sein Beitrag ein Auszug aus dem Vortrag beim Kongreß von Kirche in Not in Augsburg am 12.4.08

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