VISION 20004/2007
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Todestrafe wegen Verführung zum Glaubensabfall

Artikel drucken Sylvester Zeno: begnadigt zu 32 Jahren Haft und 30 Peitschenhieben

Es klingt wie eine tragische mittelalterliche Romanze - und geschah doch erst im April 2002: Ein junger Lehrer und seine volljährige Schülerin verlieben sich ineinander. Der Mann erzählt der Auserwählten von Jesus Christus und der Frohen Botschaft...

Das Mädchen öffnet ihr Herz für Jesus - und läßt sich taufen. Der Preis für den jungen Mann ist hoch: Er muß den Rest seines Lebens - unter der permanenten Bedrohung durch muslimische Häftlinge - im Gefängnis verbringen...

Saleem Sylvester, der später unter dem Namen Sylvester Zeno bekannt werden sollte, von der Sacré-Coeur-Schule in der ostpakistanischen Stadt Quetta hatte sich in die Schülerin Palwasha Nargis verliebt. Nachdem diese im Frühling 2002 zum Christentum konvertiert war, mußten die beiden fliehen. Für eine junge Muslimin ist es in Pakistan lebensgefährlich, einen Christen zu lieben. “Ehrenmorde" von Familienmitgliedern sind keine Seltenheit.

Mehrere Wochen, nachdem das Paar “durchgebrannt" war, wurde es von der Polizei gefunden. Sylvester Zeno wurde festgenommen und wegen der “Entführung einer Minderjährigen" sowie wegen der “Verführung zum Abfall vom islamischen Glauben" angeklagt. Dabei hatte das zivile Gericht zunächst die Aufnahme des Falles abgelehnt, weil jeglicher Straftatbestand fehlte. Erst das Anti-Terror-Gericht (!) in Quetta nahm den Fall als verhandelbar an.

Palwasha Nargis wurde von ihrer Familie unter Druck gesetzt, gegen Sylvester Zeno auszusagen, um die Familienehre wieder herzustellen. Damit rettete sie wohl ihr eigenes Leben. Darüberhinaus mußte sie wieder zum Islam konvertieren. Sylvester Zeno wurde schließlich in erster Instanz zum Tode verurteilt.

Die Polizei hat außerdem seinen gesamten Besitz beschlagnahmt. Die Liebesgeschichte zwischen Sylvester Zeno und dem muslimischen Mädchen hat auch weitere unschuldige Opfer gefordert: Jarvez Massih, ein junger Behinderter, wurde wegen angeblicher Mithilfe an der Entführung und am Glaubensübertritt des Mädchens zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt. Da er eine von der Polizei geforderte Geldsumme nicht bezahlen konnte, hatte er keine Chance auf Bewährung.

Ebenso wurden die beiden christlichen Lehrerinnen Fozia Patrick und Farah Hameed wegen Mitwisserschaft zu sieben Jahren Haft verurteilt. Auch die Anwälte der Lehrerinnen waren von ihren Familien unter Druck gesetzt worden; vier Anwälte hatten bereits das Mandat niedergelegt.

Vor Weihnachten 2002 wurden Fozia Patrick und Farah Hameed vom Gericht in zweiter Instanz allerdings für unschuldig erklärt und freigesprochen. Fozia Patrick, die aus einer Familie der mittleren Gesellschaftsschicht stammt, konnte in ihre Heimatprovinz zurückkehren und sich mit der Unterstützung ihrer Familie wieder in die Gesellschaft integrieren. Farah Hameed hingegen, die aus einer sehr armen Familie stammt, konnte nicht nach Quetta zurückkehren. Sie hat auf diese Weise ihr Hab und Gut verloren und mußte in einer anderen Stadt eine neue Existenz beginnen.

Der Ärztin und Ordensfrau Ruth Pfau - sie arbeitet seit 47 erfolgreich an der Bekämpfung der Lepra in Pakistan und ist, obwohl Christin, dort sehr anerkannt - ist es vor allem durch die Finanzierung eines Rechtsbeistandes zu verdanken, daß das Urteil in die zweite Instanz ging und das Todesurteil aufgehoben wurde. Sylvester Zeno wurde nun zu 32 Jahren Haft, 30 Peitschenhieben sowie einer Geldstrafe verurteilt.

Vor zwei Jahren bestätigte der Oberste Gerichtshof das Urteil der Vorinstanz. Dennoch kämpft Dr. Pfau weiter um die Begnadigung Sylvester Zenos. “Wir hatten uns auch an Präsident Musharaff persönlich gewandt", berichtet die Ärztin, “der auch eine Untersuchungskommission nach Quetta geschickt hat. Aber nach dem verheerenden Erdbeben im Kaschmir im Oktober 2005, das Tausende Opfer gefordert hatte, ist alles im Sande verlaufen."

96,3 Prozent der Einwohner Pakistans sind Muslime (nach der letzten Volkszählung 1998). Obwohl der eher westlich orientierte General Musharaff versucht, den Islamismus im Land einzudämmen, ist der islamische Fundamentalismus nach wie vor im Wachsen begriffen. Religiöse Minderheiten, besonders Christen und Hindus, werden in dem Land, das 1956 als die erste Islamische Republik der Erde galt, stark unterdrückt. Es wird ihnen in der Regel nicht gestattet, ihren Glauben in der Öffentlichkeit zu zeigen.

1986 trat das sogenannte “Blasphemiegesetz" (Artikel 295c des pakistanischen Strafgesetzbuches) in Kraft. Gotteslästerung und geringschätzige Anmerkungen über den Propheten Mohammed werden mit Geld-, Haftstrafen oder sogar mit dem Tode bestraft. Insbesondere Vertreter religiöser Minderheiten sind gefährdet, Opfer dieses Gesetzes zu werden.

Auch wenn Angeklagte nicht zum Tode verurteilt werden, werden sie häufig mit Mord bedroht und in manchen Fällen von Extremisten tatsächlich ermordet. Selbstjustiz und Lynchmorde gegen Angehörige religiöser Minderheiten unter dem Vorwurf der Gotteslästerung sind keine Seltenheit.

Sylvester Zenos Leben hatte zwar vorerst gerettet werden können, doch sein Leben in der Haft ist schwer. Er leidet an einer Leber- und Nierenkrankheit und kann sich die notwendigen Medikamente kaum leisten. Den Aufenthalt in der Haft erschweren zusätzlich muslimische Gefängnisinsassen. Immer wieder wird Sylvester von ihnen beschimpft, bedroht oder sogar tätlich attackiert.

Einer der schwersten Angriffe und zugleich ein Mordversuch trug sich am Abend des Sonntags, 15. Jänner 2006, zu. Sylvester sah noch das 30 cm lange Messer in der Hand von Saddat Ali und versuchte, sich zu schützen. Wenige Sekunden später floß Blut aus seinem Gesicht und seiner Schulter. Es war einer der vielen Tage, an denen Sylvester Zeno wieder sein Leben in akuter Gefahr sah... Wenn Sylvester nicht zumindest in ein anderes Gefängnis verlegt wird, könnte das Urteil einer Todesstrafe auf Raten gleichzusetzen sein. Daß feindlich gesinnte Haftinsassen ihre Morddrohungen wahr zu machen beabsichtigen, dürften sie bewiesen haben.

Michael Link


CSI-Österreich

Die ökumenische Menschenrechtsorganisation CSI Österreich (Christliche Solidarität International) setzt sich weltweit für verfolgte Christen aller Konfessionen ein. Sie steht mit Sylvester Zeno über einen Mittelsmann in Kontakt und hat mehrfach aus dem Gefängnis geschmuggelte Briefe erhalten. Wer sich für Sylvester Zeno oder andere verfolgte Christen einsetzen möchte und wer über verfolgte Christen näher informiert werden möchte, kann sich an CSI wenden:

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